Geduldsprobe

Das halbe Leben besteht aus Warten. Offensichtlich befinde ich mich gerade in dieser Hälfte, denn seit einigen Wochen bin ich fertig mit der Ausbildung zur PPL und konnte die praktische Prüfung noch immer nicht ablegen.
Nach dem 150NM-Solo-Dreieck fehlten mir noch ein paar Platzrunden an fremden Plätzen, einige Landungen auf einer Grasbahn, ein paar Solo-Flugminuten und ein letzter Checkflug, um prüfungsreif zu sein. Das schöne Wetter im März hat es möglich gemacht, diese offenen Missions hintereinander weg in kurzer Zeit abzuarbeiten. So sehr mich das Wetter in der Zeit verwöhnt hat, so nimmt es mir die gewonnene Zeit nun am Ende wieder ab, denn meine praktische Prüfung ist wetterbedingt schon zum zweiten Mal verschoben worden. Das ist frustrierend, denn irgendwann ist man auf den Punkt vorbereitet und will das Ganze einfach nur noch hinter sich bringen.

Der Prüfer hat mir am Vorabend des ersten angesetzten Termins telefonisch die Flugroute mitgeteilt und besprochen, was er während der Prüfung von mir sehen möchte. Entsprechend habe ich die erforderliche Flugvorbereitung penibel durchgeführt, Weight & Balance, Spritmenge und die benötigte Start-/Landestrecke ausgerechnet und im Flightlog dokumentiert. Am Morgen des Prüfungstages dann früh aus den Federn, die bereits gepackte Flugtasche nochmals kontrollieren und nach dem Blick auf das aktuelle Wetter trotz Sonnenscheins mit einer dumpfen Vorahnung beim Prüfer anrufen: Flugsicht nicht gut genug, zu dunstig, Prüfung abgesagt und um eine Woche verschoben.

Beim zweiten Versuch war dann bereits am Vorabend abzusehen, dass das Wetter nicht mitspielen würde: Regen aus tiefhängenden Wolken und in der Großwetterlage ein Tief über Island mit den üblichen Auswirkungen auf den Norden Deutschlands. Entsprechend sah dann auch das GAFOR für den Prüfungszeitraum aus.

GAFOR für den letzten angesetzten Prüfungstag mit M5-Bedingungen in Lübeck

GAFOR für den letzten angesetzten Prüfungstag mit M5-Bedingungen in Lübeck

Ich fühle mich gut ausgebildet, mein Trainingsstand ist hoch und die Motivation groß – so gesehen freue ich mich sogar auf die Prüfung. Ohne bin ich weder richtiger Flugschüler, denn die Ausbildung ist abgeschlossen, noch ein lizenzierter Pilot – dieser Zwischenzustand ist undankbar. Vielleicht gehört es zu den elementaren Eigenschaften eines VFR-Fliegers, sich dem Wetter zu unterwerfen, ohne mit ihm zu hadern. Wenn dem so ist, muss ich wohl noch üben.

Vermutlich ist, wie so oft im Leben, Loslassen das Mittel der Wahl. Vielleicht habe ich den vermeintlichen Zeitdruck auch künstlich erhöht, weil ich das Flugzeug vorausplanend gechartert habe, um in diesem Jahr erstmalig selbst zur AERO-Messe am Bodensee zu fliegen. Seit der zweite Prüfungstermin gestern abgesagt wurde, ist das Thema selbst nach Friedrichshafen zu fliegen, definitiv durch – und der Druck weg. Ich fahre nun mit dem Auto zur Messe und freue mich genauso darauf, als wenn ich geflogen wäre. Das Wetter wird bald wieder besser und Gelegenheiten, mit dem gecharterten Flugzeug irgendwohin zu fliegen, wird es bestimmt noch genug geben. Denn die andere Hälfte des Lebens besteht schließlich nicht aus Warten.

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